Es gibt nicht nur eine geschlechtsangleichende Operation. Es gibt viele verschiedene Eingriffe, Methoden und Varianten. Häufig sind mehrere Operationen notwendig. Bis alle Behandlungen abgeschlossen sind, können deshalb mehrere Jahre vergehen.
In dieser Zeit brauchst du Geduld mit dir und deinem Körper. Direkt nach einer Operation kann das Ergebnis noch ungewohnt aussehen. Wunden müssen heilen und Schwellungen müssen zurückgehen. Gib deinem Körper die notwendige Zeit. Nach der Heilung oder nach einer weiteren Operation kann das Ergebnis bereits ganz anders aussehen.
Wichtig: Die Hinweise auf dieser Seite ersetzen keine persönliche medizinische Beratung. Wann du nach einer Operation wieder Sex haben darfst, hängt von der Art des Eingriffs und deinem Heilungsverlauf ab. Halte dich an die Empfehlungen deines Operationsteams. Frage dort nach, wenn du unsicher bist.
Safer Sex nach einer Operation
Welche Safer-Sex-Praktik für dich geeignet ist, hängt unter anderem davon ab, welche Operation du hattest, wie gut deine Wunden verheilt sind und welche Art von Sex du praktizieren möchtest.
- Benutze Kondome, interne Kondome oder andere geeignete Schutzbarrieren.
- Verwende ausreichend geeignetes Gleitmittel.
- Achte auf saubere Hände, Sexspielzeuge, Dilatatoren und andere Gegenstände.
- Sprich mit deinen Sexpartner*innen über Wünsche, Grenzen, Tests und Schutzmöglichkeiten.
- Lass deine Wunden vollständig verheilen, bevor du sie beim Sex belastest.
- Beende den Sex, wenn du Schmerzen hast, blutest oder dich unwohl fühlst.
Nach einer Phalloplastik
Bei einer Phalloplastik wird ein Penis aufgebaut. Welche sexuellen Praktiken damit möglich sind, hängt von der Operationsmethode, der Heilung, dem Gefühl im Penis und möglichen weiteren Eingriffen ab.
Wenn du aktiven, eindringenden Sex praktizierst, kannst du ein passendes Kondom verwenden. Achte darauf, dass es gut sitzt und nicht abrutscht.
Wenn du passiven, aufnehmenden Sex magst, kann die eindringende Person ein Kondom benutzen. Verwende zusätzlich ausreichend Gleitmittel.
Nach einer Orchiektomie
Bei einer Orchiektomie werden die Hoden entfernt. Danach können sich deine Sexualität und die Reaktionen deines Körpers verändern.
- Du hast möglicherweise keinen oder nur noch wenig Samenerguss.
- Deine Erektionen können sich verändern.
- Vielleicht fühlt sich dein Orgasmus anders an als vorher.
- Auch dein sexuelles Verlangen kann sich verändern.
Auch ohne Samenerguss kannst du einen Orgasmus haben. Ein fehlender Samenerguss bedeutet nicht, dass du keine sexuelle Lust mehr empfinden kannst.
Das Risiko für HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen besteht weiterhin. Wähle deshalb Schutzmöglichkeiten, die zu deiner Situation und deinen Sexpraktiken passen.
Nach einer Metoidioplastik
Nach einer Metoidioplastik kann es sinnvoll sein, verschiedene Kondommarken und Kondomgrößen auszuprobieren. So findest du heraus, welches Kondom gut sitzt und sich angenehm anfühlt.
Wenn du beim Sex die eindringende Person bist, können auch interne Kondome eine Möglichkeit sein. Diese werden von der aufnehmenden Person verwendet.
Mit einer Metoidioplastik können unterschiedliche sexuelle Praktiken möglich sein. Dazu gehören:
- Oralsex,
- penetrierender Sex,
- Berührungen,
- Selbstbefriedigung,
- andere Formen der genitalen Stimulation.
Ob und wie eine Penetration möglich ist, ist individuell verschieden. Probiere nichts unter Druck aus und achte auf die Reaktionen deines Körpers.
Schwangerschaft und Verhütung
Manche Menschen behalten nach einer geschlechtsangleichenden Operation ihre Gebärmutter und Eierstöcke. Dann kann eine Schwangerschaft je nach Anatomie und Sexualpraktik weiterhin möglich sein.
Die Einnahme von Testosteron ist keine zuverlässige Verhütung. Wenn eine Schwangerschaft möglich ist, du aber nicht schwanger werden möchtest, lass dich zu einer geeigneten Verhütungsmethode beraten.
Nach einer Vaginoplastik
Bei einer Vaginoplastik werden eine Neo-Vulva und häufig auch eine Neo-Vagina aufgebaut. Dafür kann Gewebe aus unterschiedlichen Körperregionen verwendet werden. Die genaue Nachsorge hängt von der Operationsmethode ab.
Schutz vor HIV und anderen Infektionen
Auch mit einer Neo-Vulva oder Neo-Vagina kannst du dich mit HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen anstecken.
Wie empfindlich das Gewebe ist und welche Infektionen möglich sind, kann von der Operationsmethode abhängen. Bei manchen Verfahren wird zum Beispiel Darmgewebe für die Neo-Vagina verwendet. Besprich Fragen dazu mit deinem Operationsteam oder einer medizinischen Fachperson, die sich mit trans Gesundheit auskennt.
Die Verwendung von Kondomen oder internen Kondomen kann das Risiko einer Übertragung von HIV und einigen anderen Infektionen verringern.
Gleitmittel verwenden
Eine Neo-Vagina wird bei sexueller Erregung je nach Operationsmethode möglicherweise nicht oder nur wenig von selbst feucht. Verwende deshalb beim eindringenden Sex ausreichend Gleitmittel.
Gleitmittel kann:
- Reibung verringern,
- kleinen Verletzungen vorbeugen,
- Schmerzen reduzieren,
- Sex angenehmer und lustvoller machen.
Auch beim Analverkehr solltest du ausreichend Gleitmittel verwenden. Ölhaltige Produkte können Kondome aus Latex beschädigen. Achte deshalb darauf, dass dein Gleitmittel für das verwendete Kondom und für deine Sexspielzeuge geeignet ist.
Empfindlichkeit und mögliche Risiken
Eine Neo-Vagina kann empfindlich und weniger dehnbar sein. Manche sexuellen Praktiken sind deshalb möglicherweise nur eingeschränkt möglich. Dazu kann zum Beispiel vaginales Fisten gehören.
Ob Analverkehr oder Anal-Fisting nach einer Vaginoplastik möglich ist, solltest du mit deinem Operationsteam besprechen. Die Empfehlung kann je nach Operationsmethode und Heilungsverlauf unterschiedlich sein.
Mögliche Komplikationen sind ein Vaginalprolaps oder eine Fistel. Bei einem Prolaps kann sich Gewebe absenken oder nach außen verlagern. Eine Fistel ist eine ungewollte Verbindung zwischen Organen oder Körperöffnungen.
Die Neo-Vagina regelmäßig dilatieren
Nach einer Vaginoplastik ist es häufig notwendig, die Neo-Vagina regelmäßig zu dilatieren. Dilatieren bedeutet, die Neo-Vagina mit einem Dilatator vorsichtig zu dehnen.
Das Dilatieren hilft dabei, die Neo-Vagina:
- offen zu halten,
- in ihrer Weite zu erhalten,
- in ihrer Tiefe zu erhalten,
- schrittweise an Dehnung zu gewöhnen.
Wenn du nicht entsprechend dem empfohlenen Plan dilatierst, können Weite und Tiefe abnehmen. Dadurch kann eindringender Sex später erschwert werden.
Wie oft, wie lange und mit welcher Größe du dilatieren sollst, legt dein Operationsteam fest. Halte dich an diesen persönlichen Plan. Verändere ihn nicht eigenständig, wenn du Schmerzen, Blutungen oder andere Beschwerden hast.
Wenn du beim Sex Schmerzen oder ein Gefühl von Enge hast, kann vorheriges Dilatieren möglicherweise helfen. Besprich mit deinem Behandlungsteam, ob und wann dies für dich geeignet ist.
Positionen ausprobieren
Wenn du eindringenden Sex magst, probiere vorsichtig verschiedene Positionen aus. So kannst du herausfinden, welche Stellung sich für dich gut anfühlt und bei welcher Position du Tiefe, Bewegung und Druck am besten selbst steuern kannst.
- Beginne langsam.
- Verwende ausreichend Gleitmittel.
- Sprich währenddessen mit der anderen Person.
- Lege Pausen ein.
- Höre auf, wenn du Schmerzen hast.
Hygiene und Sexspielzeuge
Auch eine Neo-Vagina kann von Bakterien, Viren oder Pilzen betroffen sein. Achte deshalb auf Hygiene. Alles, was in deinen Körper eingeführt wird, sollte sauber und für die jeweilige Verwendung geeignet sein.
- Wasche deine Hände vor dem Sex.
- Reinige Sexspielzeuge nach den Angaben des Herstellers.
- Teile Sexspielzeuge möglichst nicht ungereinigt mit anderen Personen.
- Ziehe bei gemeinsam verwendeten Sexspielzeugen ein neues Kondom über das Spielzeug.
- Wechsle das Kondom, wenn ein Spielzeug von einer Körperöffnung in eine andere wechselt.
- Führe keine Gegenstände mit scharfen Kanten oder rauen Oberflächen ein.
- Verwende Sexspielzeuge nicht auf offenen oder noch nicht verheilten Wunden.
Vermeide aggressive Reinigungsmittel, Duftstoffe oder Spülungen, wenn dein Operationsteam sie nicht ausdrücklich empfohlen hat. Sie können empfindliches Gewebe reizen.
Den eigenen Körper neu kennenlernen
Nach einer geschlechtsangleichenden Operation können sich dein Körpergefühl, deine Empfindungen und deine sexuelle Reaktion verändern. Gib dir Zeit, deinen Körper neu kennenzulernen.
Viele trans* Personen berichten in Beratungen, dass sie nach einer Operation erst wieder herausfinden mussten, wie sie sexuelle Lust empfinden oder einen Orgasmus bekommen können.
Selbstbefriedigung kann dir dabei helfen. Du kannst in Ruhe herausfinden:
- Welche Berührungen sich gut anfühlen,
- welche Körperstellen empfindlich sind,
- wie viel Druck angenehm ist,
- welche Bewegungen dir Lust bereiten,
- was sich seit der Operation verändert hat.
Beginne vorsichtig und vermeide frisch operierte oder noch schmerzende Bereiche. Wenn du deinen Körper gut kennst, kannst du deine Wünsche auch gegenüber Sexpartner*innen besser ausdrücken.
Wünsche und Grenzen aussprechen
Für lustvollen Sex ist es wichtig, dass du dich sicher und wohlfühlst. Lass dir Zeit und finde heraus:
- Was wünsche ich mir?
- Was fühlt sich gut an?
- Was möchte ich ausprobieren?
- Was möchte ich nicht?
- Wo liegen meine Grenzen?
Versuche, deine Wünsche und Grenzen in Worte zu fassen. Sprich offen mit deinen Sexpartner*innen darüber. Guter und sicherer Sex ist nur möglich, wenn alle Beteiligten freiwillig zustimmen und sich dabei wohlfühlen.
Eine Zustimmung gilt nur für das, was gerade miteinander vereinbart wurde. Du kannst deine Zustimmung jederzeit zurückziehen. Ein früheres Ja bedeutet nicht, dass du später erneut zustimmen musst.
Wenn deine Grenzen nicht respektiert werden
Wichtig: Deine Sexpartner*innen müssen deine Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen respektieren.
Sex ist nicht einvernehmlich, wenn:
- du nicht zugestimmt hast,
- du deine Zustimmung zurückziehst und die andere Person trotzdem weitermacht,
- deine Grenzen nicht respektiert werden,
- du unter Druck gesetzt, bedroht oder absichtlich getäuscht wirst,
- du nicht in der Lage bist, frei zuzustimmen.
Auch eine Person, die du kennst oder liebst, kann sexuelle Gewalt ausüben. Eine Beziehung oder persönliche Nähe rechtfertigt keine Grenzverletzung.
Wenn du es nicht allein schaffst, dich aus einer solchen Situation zu lösen, hole dir Unterstützung. Du kannst dich zum Beispiel an eine Fachberatungsstelle oder an Menschen aus der LSBTIQ+-Community wenden.
Sex kurz nach einer Operation
Wenn deine Operation erst kurze Zeit zurückliegt und deine Wunden noch nicht vollständig verheilt sind, frage dein Operationsteam, welche sexuellen Aktivitäten bereits möglich sind.
Noch nicht verheilte Wunden können leichter gereizt oder verletzt werden. Sie können außerdem eine Eintrittspforte für Bakterien, Viren und andere Krankheitserreger sein.
Penetration ist nicht die einzige Form von Sexualität. Während der Heilung können – abhängig von den ärztlichen Empfehlungen – andere Formen von Nähe möglich sein, zum Beispiel Küssen, Streicheln oder Berührungen an nicht operierten Körperstellen.
Bei diesen Beschwerden ärztlichen Rat einholen
Nach einer Operation sind Schmerzen, Schwellungen oder leichte Blutungen in einem gewissen Umfang möglich. Wende dich an dein Operationsteam oder eine ärztliche Praxis, wenn Beschwerden neu auftreten, stärker werden oder dich beunruhigen.
- starke oder zunehmende Schmerzen,
- starke oder anhaltende Blutungen,
- Fieber oder Schüttelfrost,
- zunehmende Rötung, Wärme oder Schwellung,
- auffälliger oder unangenehm riechender Ausfluss,
- offene oder auseinandergehende Wunden,
- Probleme oder starke Schmerzen beim Wasserlassen,
- plötzlicher Verlust von Weite oder Tiefe der Neo-Vagina,
- eine sichtbare Vorwölbung oder der Verdacht auf einen Prolaps,
- der Verdacht auf eine Fistel.
Bei starken Blutungen, Atemnot, Brustschmerzen oder anderen akuten Beschwerden solltest du sofort medizinische Hilfe holen.
PrEP und PEP zum Schutz vor HIV
Neben Kondomen gibt es Medikamente, die vor einer HIV-Infektion schützen können.
PrEP bedeutet Prä-Expositions-Prophylaxe. Dabei nehmen HIV-negative Menschen vorbeugend Medikamente ein, um sich vor HIV zu schützen. Die PrEP schützt nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen. Deshalb bleiben STI-Tests und weitere Schutzmaßnahmen wichtig.
PEP bedeutet Post-Expositions-Prophylaxe. Sie kann nach einem möglichen Kontakt mit HIV eingesetzt werden, zum Beispiel nach einem gerissenen Kondom. Eine PEP muss so schnell wie möglich begonnen werden. Wende dich sofort an eine HIV-Schwerpunktpraxis, eine Klinik oder eine ärztliche Notfallversorgung.
Regelmäßige Tests auf HIV und andere STI
Regelmäßige Tests können helfen, HIV und andere sexuell übertragbare Infektionen früh zu erkennen und zu behandeln.
Welche Untersuchungen sinnvoll sind, hängt nicht allein von deiner Geschlechtsidentität ab. Entscheidend ist, welche Körperstellen beim Sex beteiligt sind. Je nach Sexualpraktik können zum Beispiel Untersuchungen oder Abstriche an folgenden Stellen notwendig sein:
- im Mund und Rachen,
- an den Genitalien,
- in der Neo-Vagina,
- im Urin oder an der Harnröhre,
- am oder im Rektum.
Erzähle der medizinischen Fachperson, welche Sexpraktiken und Körperstellen für dich relevant sind. Nur so kann sie die passenden Tests anbieten. Ein negativer Test ist außerdem immer nur eine Momentaufnahme. Bei einer sehr frischen Infektion kann ein Test noch negativ ausfallen.
Gemeinsam über Schutz sprechen
Sprecht über eure letzten Tests, mögliche Risiken und die Schutzmöglichkeiten, die zu euch passen. Dazu können gehören:
- Kondome,
- interne Kondome,
- PrEP,
- regelmäßige HIV- und STI-Tests,
- eine wirksame HIV-Therapie.
Menschen mit HIV, die wirksam behandelt werden und deren Viruslast dauerhaft nicht nachweisbar ist, übertragen HIV beim Sex nicht. Das wird auch mit „nicht nachweisbar = nicht übertragbar“ oder „n = n“ bezeichnet.
Welche Schutzstrategie richtig ist, kann für verschiedene Menschen unterschiedlich sein. Entscheidend ist, dass ihr euch informiert, offen miteinander sprecht und gemeinsam eine bewusste Entscheidung trefft.
